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SCHRIFTEN ZUR MUSIK ALS KUNST
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Die Kölner Schriftenreihe KUNSTMUSIK
Komponisten- und Klangkunstforum
von Gisela Gronemeyer, MusikTexte, Zeitschrift für Neue Musik, Mai 2006

Der Umschlag ist bunt: auf hellgrünem Untergrund fällt zunächst ein raumgreifender, türkisfarbener Kreis ins Auge. Darüber der Titel der Publikation: in schwarzen Großbuchstaben steht die Kunst schräg, die Musik gerade da. Unter dem Kreis erklärt sich in weißer Schrift auf einer Banderole, deren Farbe mit jeder Ausgabe wechselt, der Titel: "Schriften zur Musik als Kunst". Und ganz unten sind, in kleinen schwarzen Majuskeln, die Namen der Autoren und Autorinnen gedruckt. Gemeinsam ist ihnen allen, daß ihr eigentliches Metier nicht das Schreiben von Texten, sondern von Musik ist, von Musik als Kunst. Was sich hinter dem Anspruch "KunstMusik" verbirgt, erläutert die Iniatorin der Reihe, die deutsch-spanische Komponistin Maria de Alvear, im Gespräch.

"Das ist zunächst mal eine Haltung, eine verantwortliche Haltung gegenüber Musik. Man kann es im historischen und künstlerischen Kontext sehen, also welche Funktion Musik in der Gesellschaft zu haben hat, ob es überhaupt eine hat. Sich darüber Gedanken zu machen und nicht ein System zu bedienen, sondern diesem System analytisch gegenüberzustehen, darum geht es. Und in allen Bereichen, auch Pop und Jazz, gibt es KunstMusik."

Seit 2003 wird die Zeitschrift von Maria de Alvear und dem Kölner Musik-Journalisten Raoul Mörchen in halbjährlichem Turnus herausgegeben, in der Redaktion arbeitet inzwischen auch Torsten Möller mit. Fünf Bändchen mit einem Umfang von zirka fünfzig bis sechzig Seiten liegen im DIN A5-Format schon vor, das sechste erscheint in diesen Tagen.

Da sie nun nicht einfach das, was es an Zeitschriften zur neuen Musik auf dem Markt schon gibt, verdoppeln wollten, haben sich die Herausgeber bewusst ein Gebiet ausgesucht, auf dem es ihrer Meinung nach ein Defizit gibt: die Selbstdarstellungen und Reflexionen von Komponisten.

Die sind zwar in den Büchern und gesammelten Schriften eloquenterer Komponisten schon nachlesbar, nicht aber in einem regelmäßig erscheinenden Forum.

So bunt wie die Verpackung präsentiert sich auch ihr Inhalt, der von den Herausgebern in keinerlei Weise vorgegeben wird. Sie sagen ihren Autoren nur, was sie nicht wollen: keine Werkanalysen, keine Programmhefttexte, keine Illustrationen, keine Photos, keine Nabelschau, sondern Beiträge zum aktuellen Musikdenken.

Dazu Raul Mörchen: "Wir bekommen dann sehr häufig Anfragen von Komponisten: Ja, worüber soll ich denn schreiben, sagt uns doch mal was', und wir betonen dann immer wieder: ,Bitte, schreibt nur darüber, was euch wirklich unter den Nägeln brennt. Das ist letzten Endes auch das Konzept des Hefts: Es möchte widerspiegeln, was an Diskurs in den Köpfen der Komponisten zur Zeit stattfindet, wobei wir von vornherein gesagt haben, wir fassen das sehr weit und fassen unter diesem Oberbegriff Komponisten alle Leute zusammen, die sich in irgendeiner Art und Weise künstlerisch mit klanglichen Dingen auseinandersetzen."

Auch wenn die Zeitschrift KunstMusikern jeder Couleur, sei es progressiv, alternativ oder konservativ, jung oder alt, ein offenes Forum bieten möchte, zeichnet sich in den ersten Ausgaben zunächst das Umfeld ab, das den ambitionierten Herausgebern selbst nahe steht: zum Beispiel die legendäre Musiktheaterklasse von Mauricio Kagel an der Musikhochschule Köln, in der Maria de Alvear in den achtziger Jahren studiert hat, mit Beiträgen von Kagel selbst, Manos Tsangaris, Chris Newman und Johannes Schmidt-Sistermanns. Oder das in Berlin angesiedelte Wandelweiser-Kollektiv, dessen Mitglieder sich selbst verlegen, aufführen und ihre eigenen CDs produzieren: Ihnen ist die in der "World Edition", dem Selbstverlag von Maria de Alvear, veröffentlichte KUNSTMUSIK. ein willkommenes Medium, und es ist nicht von ungefähr, daß sich drei der Wandelweiser-Komponisten, Peter Ablinger, Antoine Beuger und Burkhard Schlothauer, gleich in der ersten Ausgabe zu Wort melden. Eine solche Konzentration auf eine Gruppe ist allerdings eher zufällig, da inhaltliche oder ästhetische Gesichtspunkte bei der Konzeption eines Hefts eigentlich keine Rolle spielen sollten, sondern die Beiträge werden so, wie sie eintreffen, in strikt alphabetischer Reihenfolge der Autoren angeordnet. So stehen poetische, autobiographische, persönliche, musiktheoretische, -ästhetische und -wissenschaftliche Beiträge eher unvermittelt nebeneinander.
Am besten lesen sich die, in denen Komponisten versuchen, "my own little Credo", ihr "eigenes kleines Credo" zu formulieren, wie es der Amerikaner Tom Johnson so treffend getan hat, wobei er sich als religiöse Person mit eigenen Vorstellungen zur Metaphysik der Musik bekennt. Für den Niederländer Antoine Beuger heißt Komponieren: Nichtkomponieren, für den Japaner Jo Kondo ist es eine Zusammenstellung von Klängen mit je eigener Qualität, für den Frankfurter Minimalisten Ernstalbrecht Stiebler ein Springen von Zeile zu Zeile. Der Hamburger Studiopraktiker Asmus Tietchens berichtet von seinen überraschungen beim Herstellen elektroakustischer Musik, der Amerikaner Alvin Curran über seine Erfahrungen beim Komponieren für einen Rapper. Der Wahlkölner Jens Brand kleidet "Probleme und Fragen" zur Klanginstallation in einen fiktiven Briefwechsel, in unter anderem zu lesen ist, daß Installationen nicht mehr im Raum, sondern im Künstler selbst stattfinden. Peter Köszeghi, der zornige junge Ungar aus Berlin, schreibt "Energie! Kraft! Schreie"auf seine Fahnen, will "alles Gewohnte und gut Funktionierende" ausrotten. Der Kölner Komponist, Performer und Installateur Hans W. Koch erzählt ein Märchen von der Musik als Abwesenheit von Klang. Und der Dortmunder Sound-Designer Thomas Köner nimmt das Schweigen am Grund des Abgrunds, "Le silence au fond de rabime", beredt für seine Person in Anspruch, und da er sich als internationaler Künstler versteht, selbstredend in englischer Sprache.

Das Prinzip, englische Texte unübersetzt zu lassen, macht die Lektüre von Brian Ferneyhoughs überlegungen zum Kunstwerkbegriff nicht gerade leicht. Dabei kommt gerade dieser fundierte Beitrag, zu einem Thema, das den Komponisten im Moment beschäftigt, den Erwartungen der Herausgeber besonders entgegen, während manche Beiträge von Komponisten, die im Haupt- oder Nebeberuf Musikwissenschaftler, Rundfunkproduzenten oder ehemalige Opernintendanten sind, diesen Bezug eher vermissen lassen.

Pate bei der Idee, Schriften nur von Komponisten zu versammeln, hat die von 1955 bis 1962 in der Wiener Universal Edition erschienene Jahresschrift "die reihe" gestanden, in der die tonangebenden Komponisten der Zeit ihre Theorien zur seriellen Musik veröffentlicht haben. Der Motor und fleißigste Schreiber darin war der Herausgeber selbst, der Rundfunkjournalist, Organisator und Komponist Herbert Eimert. Während er "die reihe" unter Mitarbeit von Karlheinz Stockhausen begründet hatte, um einem eigenen Theoriebedürfnis Ausdruck zu verleihen, wollen die Herausgeber der KUNSTMUSIK ein Forum nicht für sich, sondern für andere schaffen, und darin besteht das Experiment. An diesen anderen liegt es nun, die Einladung anzunehmen, damit KUNSTMUSIK den eingeschlagenen Weg fortsetzen und sich langfristig als vielseitiges Komponisten- und Klangkunstforum profilieren kann.

"Wir haben gedacht, wenn man vielleicht mal irgendwann in grauer Zukunft wissen will, was zwischen 2000 und 2010 in den Köpfen von Komponisten vorgegangen ist, daß man vielleicht, wenn man KUNSTMUSIK in allen Ausgaben hätte, schon einen Schritt weiter wäre" (Raoul Mörchen).

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#14
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